Jahr für Jahr scheint unsere menschengemachte Welt mehr aus den Fugen zu geraten. Kriege und Genozide, Klimakollaps, ideologische Konflikte, digitale Empörung, Förderkürzungen – suchen Sie sich etwas aus! Und mit jeder neuen Ausgabe eines Filmfestivals kehrt die Frage nach dessen Rolle in einer solchen Welt zurück.
Jahr für Jahr klingen auch die Antworten vertraut: die Künste stärken, Filmschaffende unterstützen, Dialog pflegen, Brücken bauen. Wertvolle Worte – und oft genug wiederholt, dass sie zur institutionellen Fahrstuhlmusik zu werden drohen, zu aus Gewohnheit aufgesagten Mantras. Warum also weiterhin Einleitungen schreiben, wenn alle ohnehin schon wissen, was darin stehen wird?
Vielleicht, weil eine Einleitung weder Rechtfertigung noch Manifest ist, sondern eine Einladung – ein Angebot dafür, wie wir zusammenkommen wollen. Festivals können die Welt nicht reparieren, aber sie können temporäre Räume schaffen, in denen wir das Miteinander üben: zuhören, lachen, streiten, aufmerksam und neugierig sein.
Die Filme erden diese Aufmerksamkeit. Das diesjährige Programm navigiert die Komplexität unserer Zeit mit Arbeiten, die mal schreien und mal flüstern – Filme, die zögern, beobachten und auf Ambivalenz bestehen in einer Welt, die nach Gewissheit verlangt. Einige setzen sich direkt mit Machtstrukturen auseinander; andere spüren ihnen im Alltäglichen nach, entlang individueller Identitäten und kollektiver Geschichte.
Wenn Publikum und Filme aufeinandertreffen, treten Unterschiede unweigerlich zutage. Erwartungen prallen aufeinander, Vorurteile werden herausgefordert. Doch diese Reibung ist kein Scheitern, sondern gelebter Pluralismus. Wir betreten das Kino geprägt von eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Wünschen; diese Räume zu teilen heißt, Perspektiven zu begegnen, die unsere eigenen verunsichern – und neu auszuhandeln, was wir zu wissen glaubten.
Festivals sind keine neutralen Gebilde. Jede Auswahl trägt eine Perspektive in sich. Sie spiegelt nicht nur die Realitäten, die Filmschaffende beobachten, sondern auch die Gespräche, die wir als Programmer:innen in einer temporären Landschaft anstoßen möchten, geprägt von jenen, die sie betreten. Vielleicht schreiben wir diese Einleitungen weiter, um diesen gemeinsamen Anfang zu markieren – um anzuerkennen, dass wir uns für ein paar Stunden versammeln; präsent zu sein und zu entdecken, was es heißt, gemeinsam zu schauen, zu denken und zu fühlen.
Vincent Förster im Namen der Auswahlkommission für den Internationalen Wettbewerb